Die Macht der Schwachen lässt dich schwach sein

Heute erzählte mir eine entfernte Bekannte folgende Geschichte von Ihrer Hochzeit. "Weißt du, wir hatten so eine Hippie Hochzeit, da war ein Bunter Haufen Leute. Ich hatte da eine Freundin, die war blind und natürlich wollten wir sie auch zur Hochzeit einladen. Problem war nur, der blinden Freundin ging es an diesem Tag nicht sehr gut und ich als Braut habe sie dann ins Hotel gefahren. Sie hat dort dann zwei Stunden geweint. Ich bin natürlich bei Ihr geblieben und hab sie getröstet. Als ich zurück auf meine Hochzeit kam, waren alle ausgelassen am Tanzen. Ich hab mich maßlos geärgert". 

Mich hat diese Geschichte sehr beeindruckt, weil ich mir gerade sehr viel Gedanken über die Macht der Schwachen mache. 

Wer kennt das nicht, dass man aus Mitleid Dinge tut, die man eigentlich gar nicht tun will. Es war mir bis vor kurzem gar nicht bewusst, dass es eine solche Macht gibt. Ist doch eigentlich auch völlig paradox. Man kann doch nicht schwach und gleichzeitig mächtig sein. 

Gerade aus der Schwäche kann eine Macht entspringen.

Erinnert mich stark daran wie ein Kind sich schwach zeigt, weint oder sich demütig verhält und genau dadurch das erreicht was es will.

Nun stellt sich mir die Frage, woraus diese Art von Schwäche entspringt. Was ist geschehen, dass jemand vielleicht nicht einmal bewusst seine Schwäche so auslebt, dass dadurch Macht entsteht. Denn nun bekommt die Person das was sie will. 

Was passiert da eigentlich?

Ich will versuchen, anhand eines Beispiels etwas Licht in das Dunkel zu bringen. Da ist auf der einen Seite ein Kind, das etwas will. Bis hier noch ganz normal. Aber nun bekommt es das nicht.  Die Situation beginnt für das Kind existentiell zu werden. Es zeigt sich nun schwach. Was passiert? Sein Gegenüber steigt in das Spiel mit ein, fängt an das Kind zu trösten, zeigt Verständnis und gibt dem vermeintlich schwachen Menschlein das was es will. Weil er ja nicht will, dass es dem Kleinen schlecht geht. 

Ganz schön dicker Hund. Und doch hat das jeder von uns schon einmal in der ein oder anderen Version erlebt, auf der einen oder anderen Seite.

Das oben genannte Beispiel ist ja noch einigermaßen erkennbar, wenn man genau hinschaut.  Und das Ganze ist aus der kindlichen Sichtweise auch nachvollziehbar und das Verhalten für dieses Kind vollkommen logisch. Im Erwachsenenalter kann so eine Vorgehensweise jedoch keine Alternative sein. So ein  Muster kann dann noch viel subtiler, versteckter ablaufen.

Was man auch nicht außer Acht lassen sollte ist, dass der andere, der Tröster, auch etwas bekommt. Dass sein Ego gefüttert wird. Er  hat es geschafft den anderen zu trösten. Das ist ein schönes Gefühl. Dass er dabei klein beigegeben hat, einen Kuhhandel eingegangen ist, ist erst einmal zur Nebensache. Auf  Dauer kann das jedoch nicht gut gehen.

Wo kommt das her?

Meine Erklärung dazu ist, dass dieses Muster  eigentlich nur daraus entstanden sein kann, dass es im Leben des Schwachen irgendwann eine oder mehrere Extremsituationen gegeben haben muss, die für ihn nur erträglich waren, indem er sich schwach gezeigt hat. Es hat als Kind funktioniert und wurde als einen mögliche Herangehensweise an bestimmte Situationen ins Erwachsenenleben mit integriert.

Das ist allerdings kein Erwachsenes Verhalten. 

Es verhindert Wachstum. Das der Persönlichkeit und auch das im Zusammenleben.

Der Kuhhandel wird irgendwann auffliegen. 

Nun zur Lösung. Der Tröstende hat hier die Möglichkeit zu handeln. Der Schwache, wird wohl eher nicht handeln, das liegt schon in der Natur des Schwachen. Wenn er handeln würde wäre er nicht mehr schwach. Also ziemlich unwahrscheinlich. Aber der, der den Schwachen, Bedürftigen füttert, hat die Möglichkeit aus dem Spiel aus zu steigen. Das wird natürlich innerhalb dieses Systems Stress erzeugen. Das ist ganz normal, wenn einer in einer Beziehung egal welcher Art die gewohnte Struktur verlässt, muss erstmal wieder alles neu ins Gleichgewicht kommen, die Grenzen neu ausgelotet werden. Aber genau hier liegt die Möglichkeit für Wachstum aller Beteiligten. Nun ist die Frage wie kann das gehen? Wenn der Starke aussteigen will aus dem System. Es gibt hier die Möglichkeit dir klar zu werden, was du tatsächlich willst. Du bist kein Täter mehr, du bist kein Opfer mehr, du bist einfach nur klar. Du bist nicht stark und auch nicht schwach, du bist klar. Du entscheidest ohne die Reaktion des anderen mit ein zu beziehen. Ohne die Idee den anderen zu verletzen.

Nochmal zurück zu dem Beispiel mit dem Kind das weint weil es etwas erreichen will. Mit der Klarheit kann das Gegenüber das best mögliche Wachstum erreichen. Was will ich.

Das lässt sich jetzt auf jede Art von Beziehung die mit dieser Struktur verstrickt ist anwenden. Die Ehefrau, der es immer schlecht geht und nie zufrieden ist.  Sie hat die Macht über dich weil du sieh bedienst mit Mitleid und es ihr Recht machen willst. Wenn du einfach klar bist mit dem was du willst, habt ihr eine echte Chance zusammen zu wachsen. Das System wird nicht mehr bedient und nun darf etwas neues entstehen.

 

Ein Satz, der mir mittlerweile sehr viel bedeutet ist: 

"ich verneige mich vor deinem Schicksal, aber bitte behalte bei dir was zu dir gehört, das ist dein und hat mir nichts zu tun"

heißt, ich habe große Achtung vor dir aber ich gebe auch sehr auf mich acht, dass ich in meiner Kraft bleibe.

Fritz Perls hat das im Gestalt-Gebet so ausgedrückt.

Ich bin ich und du bist du,

und ich bin nicht für dich verantwortlich,

und du bist nicht für mich verantwortlich.

Und ich bin ich und du bist du.

 

Mir gefällt die erste Version besser.

" Ich verneige mich vor deinem Schicksal" das gibt so viel Raum für jedes Anliegen. Und doch gebe ich acht auf mich in dem ich sage: "aber bitte behalte bei dir was zu dir gehört"

Ich möchte euch einladen, zu schauen, wo zeige ich mich schwach, um etwas zu erreichen, zeige ich mich schwach weil ich dadurch eine gewisse Macht erlange? Ich möchte euch einladen, zu schauen wo zeigt sich mir jemand schwach, wo beginnt der Kuhhandel. Wo gebe ich klein bei, damit ich den anderen nicht leiden sehen muss.